Neue Stars: Die Flughäfen Domodedowo und Vnukowo

20.12.2005
Vom Flughafen Moskau-Domodedowo, 48 Kilometer südlich der russischen Hauptstadt gelegen, gibt es keine Luftaufnahmen. Dabei ist der einzige privat betriebene Flughafen in der russischen Luftfahrtgeschichte seit kurzem Marktführer in der an Pisten und Terminals nicht armen Moskauer Umgebung, wo es allein drei Verkehrsflughäfen und jede Menge anderer Flugfelder gibt. Der Flughafenbetreiber, die Eastline-Gruppe, spart nicht mit bunten Schaubildern ihrer gerade laufenden Expansion, die dringend nötig wurde, um der schnell wachsenden Passagierzahl Herr zu werden. Auf Nachfrage erfährt man hinter vorgehaltener Hand, dass Luftbilder deshalb tabu seien, weil rund um den Flughafen eine ganze Reihe Silos mit startbereiten Mittelstreckenraketen im Boden steckten. Sowjetische Vergangenheit und westlich orientiertes Zukunftsstreben treffen in Domodedowo also unmittelbar aufeinander.

Ganz ähnlich ist das neuerdings auf dem kleinsten der internationalen Verkehrsflughäfen, in Vnukowo, 28 Kilometer südwestlich des Roten Platzes. Vnukowo, im Besitz und betrieben von der Moskauer Stadtregierung, war der erste Flughafen Moskaus und feierte seine Eröffnung bereits 1941. Das prächtige alte Abfertigungsgebäude wurde kürzlich stillgelegt, steht aber noch, gleich gegenüber kommen die Fahrgäste jetzt aus dem nagelneuen Flughafenbahnhof per Rolltreppe wieder ans Tageslicht, Geschichte und Zukunft der Moskauer Luftfahrt begegnen sich vis-a-vis. Nicht mehr lange, denn das geschichtsträchtige Terminal wird demnächst abgerissen, um Platz für einen neuen Komplex von 120 000 Quadratmeter Fläche zu machen, der Ende 2007 eröffnen soll.

Billigflüge nach Berlin und Bonn
Mit stetig wachsenden Einkommen der Bevölkerung - ein Moskauer Arbeiter bringt heute im Schnitt rund 500 Dollar im Monat nach Hause - steigt die Reiselust der Russen. Die zunehmend engen Geschäftsbeziehungen nach Europa tun ein übriges, auch die westlichen Billigflieger tragen zum Boom bei. "Wir sind erstaunt, wie viele Privatreisende die Mühen der Visa-Beschaffung für eine Moskau-Reise auf sich nehmen", sagt Joachim Klein, Geschäftsführer von Germanwings. Seine Gesellschaft bietet seit kurzem die ersten internationalen Billigflüge ab dem Flughafen Vnukowo, dreimal wöchentlich geht es nach Berlin-Schönefeld und Köln/Bonn, auch von den anderen Germanwings-Drehkreuzen Stuttgart und Hamburg sind Verbindungen geplant.

Der Luftverkehr innerhalb Russlands sowie auf Strecken zwischen dem Riesenreich und dem Ausland hat sich inzwischen stabilisiert und wächst schnell. Unter dem alten, staatlich subventionierten sowjetischen Luftfahrtsystem gab es 1990 noch insgesamt 138 Millionen Luftreisende, was bis 1996 auf einen Tiefstand von 27 Millionen absackte. Für 2005 rechnet die Branche dabei wieder mit fünfzig Millionen Fluggästen. Die meisten davon berühren einen der Moskauer Flughäfen, sowohl Domodedowo als auch Vnukowo erwarteten für das ablaufende Jahr erhebliche Zuwächse. Domodedowo verzeichnete 12,1 Millionen Passagiere im Jahr 2004 und rechnet für 2005 mit 13,6 Millionen Nutzern, in Vnukowo stiegen die entsprechenden Zahlen von 2,4 auf 3,5 Millionen. Ersterer ist inzwischen Marktführer in der Hauptstadt mit einem Anteil von 46 Prozent aller Flugreisenden, vor dem traditionellen Hauptflughafen Scheremetjewo mit 42 und Vnukowo mit zwölf Prozent. "Alle drei Moskauer Flughäfen müssen sich durch Umbauten fit machen, sonst verkraften wir das Wachstum nicht und Städte wie Kiew würden sich freuen", erklärt Daniel Burkard, deutscher Manager bei Eastline.

Missstand Scheremetjewo
Am nötigsten aber hat der Flughafen Scheremetjewo Erneuerung und Erweiterung. Hierher fliegen Aeroflot, aber auch Lufthansa, Air France, KLM und andere westliche Gesellschaften. Im internationalem Terminal 2, gebaut 1979 von der deutschen Firma Hochtief nach dem Vorbild des Flughafens Hannover, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Die zeitlich unberechenbare Passkontrolle bei der Einreise kann zu stundenlangen Wartezeiten führen, die Koffer brauchen oft noch länger als ihre Besitzer, um alle Hürden bis auf das Gepäckband zu überwinden. Für den Weg in die Stadt gibt es keinerlei öffentliche Verkehrsmittel, sondern vor allem die mafiosen lokalen Taxifahrer.
Besonders schlechte Karten hatten bisher jene Aeroflot-Passagiere, die auf einen Inlandsflug umsteigen wollen. Um in das auf der anderen Flughafenseite gelegene Terminal 1 zu gelangen, eine fünfminütige Autofahrt, müssen sie manchmal bis zu 100 Dollar an Taxikosten zahlen. Einen verlässlichen öffentlichen Transfer gibt es nicht. Manche Vielflieger nehmen einen früheren Flug nach Moskau, um den Weg unter Umgehung der Taxis zu Fuß zurückzulegen. Nach Jahrzehnten dieses Missstands hat Aeroflot nun endlich gehandelt und richtet einen Busservice über das Vorfeld ein.

Mit gläsernem Terminal
Genauso beschwerlich und langwierig ist der Abflug - mit bis zu fünfmaligem Anstehen. Von November 2007 an soll sich alles ändern, wenn das neue Terminal 3 öffnet, das seit kurzem im Bau ist. Mit einer Nutzfläche von fast 170 000 Quadratmetern soll es endlich die gesamten Aeroflot-Dienste für In- und Auslandsflüge sowie alle internationalen Fluggesellschaften aufnehmen. Ein weiter bestehendes Problem allerdings dürfte der zügige Anschluss in die Stadt bleiben - ein Anschluss an das Metronetz oder eine eigene Zugverbindung werden auch nach der Eröffnung nicht bereitstehen.
Das ist in Domodedowo und Vnukowo ganz anders - beide verfügen bereits über eigene Schnellzugverbindungen in die Innenstadt, wo an den jeweiligen Abgangsbahnhöfen auch bereits das Gepäck aufgegeben und die Bordkarte entgegengenommen werden kann. Auf beiden Flughäfen wird der Ausbau ebenfalls vorangetrieben - Domodedowo will mit einem neuen Terminal bis Anfang 2007 für weitere sechzehn bis achtzehn Millionen Passagiere je Jahr gerüstet sein. Dann soll auch schon die nächste Ausbaustufe für sechs Millionen zusätzlicher Reisender beginnen. Auch in Vnukowo werden bald wieder Baukräne die Szenerie beherrschen, wenn das von einer deutschen Firma geplante gläserne Terminal hochgezogen wird.

Quelle: F.A.Z, Nr. 286 / Seite R2
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